- Es
hat keinen Sinn, über etwas zu sprechen, was nicht in Beziehung
zu etwas anderem existiert. Dalai Lama
Reflexzonenmassage,
die rechte Hand der ärztlichen Therapie
Ich
wende mich an die Dichter unter Ihnen. Damit sind also nicht die
gemeint, welche glauben, die Kunst der Massage bestünde darin,
dass man selbst in Schweiß gerät und sich fürchterlich
anstrengt. Ich möchte damit Sie ansprechen, die Sie wissen,
dort mit kundiger Hand zuzufassen, wo es nötig ist - und das
mit aller Zartheit. Damit sind alle diejenigen gemeint, die die
Reflexzonenmassage entdecken wollen,
in der Theorie und auch in der Praxis.
Für mich war es ein großes Glück, dass ich einen der
wunderbarsten Reflexzonenmasseure, die Deutschland hatte, noch persönlich
kennen lernen durfte: Joachim von Puttkammer. Ein seltenes Glück
war, das es meiner Frau Ilse vergönnt war, bei Joachim von Puttkamer
längere Zeit in der Praxis mitzuarbeiten. Und so ergänzten
wir uns dann in meiner eigenen Praxis. Sie war die tastende, fühlende
Hand und ich ordnete die Erkenntnisse und weitete sie therapeutisch
aus.
Da ich in meinem Beruf noch nicht gleich richtig Fuß fassen konnte,
wollte ich, um ein umfassendes Bild davon zu bekommen und um eine tiefere
Kenntnis zu gewinnen, möglichst an seine Wurzel zurückgehen,
an seine Quelle.
Ich suchte sie im Sprachlichen und fing an, nach der ursprünglichen
Wortbedeutung von "massieren" zu suchen. Dabei fand ich die
Möglichkeiten:
Einmal könnte es von "massein" abstammen und das bedeutet
" fest zupacken, kneten". Von diesen beiden Wortbedeutungen
ausgehend tun wir Masseure also in jedem Fall das Richtige:
Wenn wir Massen zu bewältigen haben, dann ist es ganz in Ordnung,
fest zu zupacken; und dann andernfalls Feinarbeit zu leisten, wie es
die früheren arabischen Ärzte taten und wofür sie berühmt
waren, dann handeln wir nach dem Wort "massieren" in seiner
Bedeutung "betasten", wie diese Ärzte es taten.
Und damit sind wir, glaube ich, auf der richtigen Spur zu unserem eigentlichen
Thema:
"Reflexzonenmassage - die rechte Hand der ärztlichen Therapie".
Die Reflexzonenmassage ist noch relativ jung, jedenfalls bei uns in
Deutschland. Die Kenntnis ihrer Technik setze ich jetzt voraus, kann
mich also darauf beschränken, einige kurze Streiflichter auf ihre
Geschichte zu werfen. Die Geburtsstunde dieser Sonderform der Massage
ist im vorigen Jahrhundert, etwa um 1834, und zwar gleichzeitig in
Schweden und in Amerika! In Schweden war es Per Henrik Ling (1), der
Begründer der nach ihm benannten Schwedengymnastik, der Ling-Gymnastik.
Es war ihm aufgefallen, dass eine ganz bestimmte Überempfindlichkeit
im linken oberen Rückenbereich besteht, wenn der Patient an einer
Herzkrankheit leidet.
Er hat als erster diesen Zusammenhang beschrieben und den analogen
Zusammenhang von Magenerkrankungen und der etwas tiefer gelegenen Brustwirbelsäule.
Zur gleichen Zeit, 1834, haben in Amerika die Brüder William und
Daniell Griffin festgestellt, dass bei Druck auf bestimmte Wirbel in
jeweils ganz bestimmten Organen Schmerzen entstehen, d.h. also entsprechend
der Höhe des Wirbelabschnitts in der Leber, im Magen, Dickdarm,
in der Milzgegend oder am Herzen.
Einer ihrer Schüler, Abrams, hat das weitergehend erforscht. Er
bezeichnete die weiter von dem entsprechenden Wirbelsäulenabschnitt
entfernt gelegenen Schmerzstellen am Körper "transferred
pains".(2) Erst nachdem Schweden und Amerika der Reflexzonenmassage
als Pioniere vorausgegangen waren, sprang der Funke nach Europa über.
Einer der ersten war der Homöopath Dr. Weihe, den man vielleicht
bei den Akupunkteuren besser kennt, obwohl er selbst von Akupunktur
nichts wusste! Damals in den 80ern des 19. Jahrhunderts hatte man von
dieser chinesischen Therapie noch nichts gehört in Europa. Dr.
Weihe fand und beschrieb 1883 bestimmte Stellen auf der Haut seiner
Patienten, die nur bei bestimmten Krankheiten schmerzempfindlich waren.
Er benannte diese Punkte, die nach ihm "Weihe - Punkte" heißen,
nach homöopathischen Mitteln. So nannte er beispielsweise eine
bestimmte Stelle im Leberbereich "Chelidoniumpunkt", weil
bei der allgemein homöopathischen Behandlung Chelidonium - Schellkraut
bei Lebererkrankungen angewendet wird. Dr. Weihe war ein außergewöhnlicher
Mensch und Arzt. Amerika und Frankreich ehrten ihn. Aber es ist ja
immer so, dass der Philosoph in seinem Heimatland nichts gilt, und
wir haben ihn deshalb auch fast vergessen.
Ganz anders erging es dem Engländer Henry Head 3). Er stellte
im Jahre 1889 als erster fest, dass im Bereich eines bestimmten Spinalnervs
Überempfindlichkeiten entstehen, wenn das vom gleichen Nerven
versorgte Organ erkrankt ist. Er hat seine bahn brechende Arbeit darüber,
die erst 1898 in Leipzig übersetzt und verlegt worden ist, "Die
Sensibilitätsstörungen der Haut bei Visceralerkrankungen"
genannt.
Sein Kollege James Mackenzie 4) hat unabhängig von ihm zur gleichen
Zeit ähnliches entdeckt und beschrieben. Nicht nur in der Haut,
sondern auch in tiefer liegenden Schichten - also in den Muskeln, im
Bindegewebe, in den Sehnen - gibt es Schwellungen bei zugehörigen
Organerkrankungen. In Deutschland kam 1909 Cornelius 5) mit seinen
Arbeiten
über Nervenpunktlehre und -massage heraus.
Zwei Jahre später, damals ging es also Schlag auf Schlag, erschien
von Barczewskis 6) "Hand-Lehrbuch meiner Reflexmassage".
Im Gegensatz zu Cornelius, der nur von "Nervenpunkten" sprach,
spricht er von "Reizdepots". Wenn man sich das Wort "Depot"
vorstellt, ist damit das Bild einer Schwellung oder Quellung des Gewebes
verbunden. im Jahr 1910 hat der Amerikaner Abrams, wie schon erwähnt,
seine revolutionäre Arbeit "Spondylotherapie" geschrieben.
Alles was wir heute bei Ärzten, Heilpraktikern und Masseuren an
chiropraktischen Griffen kennen, hat seinen Ursprung in dieser Spondylotherapie
von damals. 1938 publizierten Prof. Dr. Hansen und Frau Dr. von Staa
7) ihr Buch "reflektorische und algetische Krankheitszeichen der
inneren Organe".
Dieses Werk hat für Deutschland die Bedeutung wie für Amerika
Abrams "Spondylotherapie". Die beiden Bücher nenne ich
mit Absicht; denn jeder, der die Massagetherapie grundlegend begreifen
und ausüben will, wird sich mit ihnen weiterbilden können.1942
brachte Dr. Friedrich Dittmar 8) ein Buch mit einem ähnlichen
Titel heraus: "Die reflektorischen und algetischen Krankheitszeichen
in der Diagnostik und Therapie innerer Krankheiten". Er ging damit
also auf die Therapie über, während bis dahin alles mehr
oder weniger auf die Diagnostik beschränkt geblieben war. Aus
dem anfänglichen Staunen über diese neuen Erkenntnisse entstand
die Frage: Wenn innere Organe etwas nach außen projizieren, kann
man nicht auch auf dem umgekehrten Weg, also von außen nach innen,
Einfluss gewinnen auf die inneren Organe?
Dies ist die eigentliche Geburtsstunde der Reflexzonenmassage als Therapie.
Das war 1942. Am Schluss dieses kurzen historischen Abrisses der Reflexzonenmassage
steht eines der schönsten Werke, das, wenn es auch von bescheidenem
Umfang ist, doch bahn brechende Wirkung hatte.
Es ist Joachim von Puttkamers 9) Buch "Organbeeinflussung durch
Massage", das in Erstauflage 1947 erschien. Schon das Literaturverzeichnis
seines Werks zeugt von der Vielschichtigkeit seines Wissens und seines
Fleißes. Abgesehen von allen Vorgängen in der Massage hat
er sich in der chinesischen Akupunktur ausgekannt wie damals kein zweiter.
Dieser Hinweis ist deshalb wichtig, weil es nämlich für europäische
Ärzte unverständlich war (und auch heute oft noch ist), wie
beispielsweise reflektorische Zeichen vom Rumpf auf den Kopf weitergeleitet
werden können. Denn wenn es lediglich über den Reflexbogen
ginge, könnten die Reflexe allerhöchstens D1, D2 weitergeleitet
werden, aber niemals in den Kopf trotz nervus vagus, trotz trigeminus.
Dieses Rätsel löste nun das Wissen der chinesischen Akupunktur.
Es war von einem französischen Gesandten, Soulie' de Morant 10),
in den 30er Jahren nach Paris gebracht worden - so jung ist die Akupunktur
bei uns! in China ist sie 5000 Jahre alt. Die Chinesen kennen nicht
nur die metamere oder segmentale Einteilung, wie z. B. die Fellzeichen
eines Zebras oder Tigers zeigt, sondern sie kennen völlig andere
Verbindungslinien, die Meridiane, die vom Scheitel bis zur Fußsohle
laufen.
Unter den Meridianen liegen Punkte, die bei bestimmten Erkrankungen
innerer Organe schmerzen. Hier begegnen wir nun wieder der Reflexzonenbeziehung,
aber nun nicht mehr nur in der horizontalen, sondern auch in der vertikalen
Ebene. So wird z. B. verständlich, warum bei einer Gallenerkrankung
eine Migräne oben auf dem Scheitel auftritt. Bei einer Nierenerkrankung
findet man den Migräneschmerz auf der Stirne, bei einer Magenerkrankung
an der Schläfen.
Keiner der therapeutisch arbeitet - Ärzte, Masseure, Krankengymnasten,
Physiotherapeuten...- dürfte sich in diesem Wissen verschließen,
sondern müsste es sich durch eigenes Nachforschen und Weiterbildung
aneignen.
Es empfiehlt sich der Einstieg über eines der Bücher von
Dr. Stiefvater 11), einem der großen Akupunkteure Deutschlands.
Das Buch "Reflexzonen und Somatotopien" von Dr. Gleditsch
12) vermittelt den Schlüssel zur Gesamtschau des Menschen.
Es sind bisher nur wenige, die das mysteriöse und wunderbare System
der Akupunkturlehre in klare Worte fassen können wie z. B. Prof.
Dr. Dr. Niesel 13) in seinem Buch der "Umgang mit Heilenden Energien".
Wenn sie dann die Meridiane in ihrem Verlauf kennen lernen, werden
Sie anfangs zögernd - die menschlichen Tastsinneswerkzeuge aktivieren,
so wie ich es zu Anfang in meiner Praxis gemacht habe.
Allmählich werden Sie die ultaschwache Zellstrahlung wahrnehmen,
wozu Sie jetzt fähig sind, wie viel Geheimnis sich Ihnen über
Ihre Hände dem Gehirn erschließt, indem Sie es erarbeiten.
Die Hände sind durch die Tastsinneswerkzeuge sowohl Sender als
auch Empfänger für die offenen neuronalen Codes und damit
das Werkzeug des Geistes. Erschütternde Szenen werden sich
in ihrer Praxis abspielen. Dass Menschen Ihnen um den Hals fallen und
sagen: "Ich bin ja gesund!"
Was Ärzte und Kliniken jahrelang nicht fertig gebracht haben,
Sie haben es geschafft, weil Sie tatsächlich z. B. den Schmerz "fühlen"
sowie die neurophysiologischen Zusammenhänge wissen und in der
Praxis das offene neuronale Schmerzmuster auflösen, durch das
rückkoppelnde Tupfen.
Literaturhinweise
und Anmerkungen
1) Per Hendrik Ling, 1776-1839. "Lehrbuch der
schwedischen Gymnastik", Esslingen 1924, L. M. Törngren.
2) Abrams, "Spondylotherapy", San Francisco, Cal.,
1910
3) Henry Head, "Die Sensibillitätsstörungen der
Haut bei Visceralerkrankungen", Berlin 1898.
4) James Mackenzie, "Krankheitszeichen und ihre Auslegung",
Würzburg 1911.
5) Dr. med. Alfons Cornelius, "Nervenpunktlehre", Leipzig
1909. ders. "Nervenmassage", Leipzig 1909. Siehe auch
zu diesem Thema den Artikel "Nervenpunktmassage" in
Marnitz 2/91, S. 6ff.
6) Barczewski, Hand- und Lehrbuch meiner Reflexmassage",
Berlin 1911.
7) Prof. Dr. Karl Hansen und Frau Dr. Hildegard von Staa, "Reflektorische
und algetische Krankheitszeichen der inneren Organe", Leipzig
1938.
8) PD Dr. med. Friedrich Dittmar, "Die reflektorischen und
algetischen Krankheitszeichen in der Diagnostik und Therapie
innerer Krankheiten", Dtsch. Z. Homöop. 58 (1942),
Jan.
9) Dr. Joachim von Puttkamer, "Organbeeinflussung durch
Massage", Saulgau 1947.
10) Souliéde Morant, "L´acuponcture chinoise",
Paris 1938.
11) Dr. med. Erich Stiefvater, "Akupunktur als Neuraltherapie",
Ulm 1956.
12) Dr. Jochen M. Gleditsch, " Reflexzonen und Somatotopien"
Schorndorf 1983.
13) Prof. Dr. Dr. W. Niesel, "Umgang mit Heilenden Energien"
Innsbruck 1995.