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Bei nachfolgendem Text handelt es sich um die überarbeitete und mit Literaturhinweisen versehene Fassung eines Vortrages von Herrn Dr. med. Ulrich Abele, den er am 24. 5. 1970 gehalten hat. "Ich bin Dr. Abele für seine Autorisierung zur Veröffentlichung und Überarbeitung dieses Textes zu Dank verpflichtet." Richard Breuer 

  • Es hat keinen Sinn, über etwas zu sprechen, was nicht in Beziehung zu etwas anderem existiert.  Dalai Lama 

 Reflexzonenmassage, die rechte Hand der ärztlichen Therapie

Ich wende mich an die Dichter unter Ihnen. Damit sind also nicht die gemeint, welche glauben, die Kunst der Massage bestünde darin, dass man selbst in Schweiß gerät und sich fürchterlich anstrengt. Ich möchte damit Sie ansprechen, die Sie wissen, dort mit kundiger Hand zuzufassen, wo es nötig ist - und das mit aller Zartheit. Damit sind alle diejenigen gemeint, die die Reflexzonenmassage entdecken wollen, in der Theorie und auch in der Praxis.
Für mich war es ein großes Glück, dass ich einen der wunderbarsten Reflexzonenmasseure, die Deutschland hatte, noch persönlich kennen lernen durfte: Joachim von Puttkammer. Ein seltenes Glück war, das es meiner Frau Ilse vergönnt war, bei Joachim von Puttkamer längere Zeit in der Praxis mitzuarbeiten. Und so ergänzten wir uns dann in meiner eigenen Praxis. Sie war die tastende, fühlende Hand und ich ordnete die Erkenntnisse und weitete sie therapeutisch aus.
Da ich in meinem Beruf noch nicht gleich richtig Fuß fassen konnte, wollte ich, um ein umfassendes Bild davon zu bekommen und um eine tiefere Kenntnis zu gewinnen, möglichst an seine Wurzel zurückgehen, an seine Quelle.
Ich suchte sie im Sprachlichen und fing an, nach der ursprünglichen Wortbedeutung von "massieren" zu suchen. Dabei fand ich die Möglichkeiten:
Einmal könnte es von "massein" abstammen und das bedeutet " fest zupacken, kneten". Von diesen beiden Wortbedeutungen ausgehend tun wir Masseure also in jedem Fall das Richtige:
Wenn wir Massen zu bewältigen haben, dann ist es ganz in Ordnung, fest zu zupacken; und dann andernfalls Feinarbeit zu leisten, wie es die früheren arabischen Ärzte taten und wofür sie berühmt waren, dann handeln wir nach dem Wort "massieren" in seiner Bedeutung "betasten", wie diese Ärzte es taten.
Und damit sind wir, glaube ich, auf der richtigen Spur zu unserem eigentlichen Thema:
"Reflexzonenmassage - die rechte Hand der ärztlichen Therapie".
Die Reflexzonenmassage ist noch relativ jung, jedenfalls bei uns in Deutschland. Die Kenntnis ihrer Technik setze ich jetzt voraus, kann mich also darauf beschränken, einige kurze Streiflichter auf ihre Geschichte zu werfen. Die Geburtsstunde dieser Sonderform der Massage ist im vorigen Jahrhundert, etwa um 1834, und zwar gleichzeitig in Schweden und in Amerika! In Schweden war es Per Henrik Ling (1), der Begründer der nach ihm benannten Schwedengymnastik, der Ling-Gymnastik. Es war ihm aufgefallen, dass eine ganz bestimmte Überempfindlichkeit im linken oberen Rückenbereich besteht, wenn der Patient an einer Herzkrankheit leidet.
Er hat als erster diesen Zusammenhang beschrieben und den analogen Zusammenhang von Magenerkrankungen und der etwas tiefer gelegenen Brustwirbelsäule. Zur gleichen Zeit, 1834, haben in Amerika die Brüder William und Daniell Griffin festgestellt, dass bei Druck auf bestimmte Wirbel in jeweils ganz bestimmten Organen Schmerzen entstehen, d.h. also entsprechend der Höhe des Wirbelabschnitts in der Leber, im Magen, Dickdarm, in der Milzgegend oder am Herzen.
Einer ihrer Schüler, Abrams, hat das weitergehend erforscht. Er bezeichnete die weiter von dem entsprechenden Wirbelsäulenabschnitt entfernt gelegenen Schmerzstellen am Körper "transferred pains".(2) Erst nachdem Schweden und Amerika der Reflexzonenmassage als Pioniere vorausgegangen waren, sprang der Funke nach Europa über.
Einer der ersten war der Homöopath Dr. Weihe, den man vielleicht bei den Akupunkteuren besser kennt, obwohl er selbst von Akupunktur nichts wusste! Damals in den 80ern des 19. Jahrhunderts hatte man von dieser chinesischen Therapie noch nichts gehört in Europa. Dr. Weihe fand und beschrieb 1883 bestimmte Stellen auf der Haut seiner Patienten, die nur bei bestimmten Krankheiten schmerzempfindlich waren. Er benannte diese Punkte, die nach ihm "Weihe - Punkte" heißen, nach homöopathischen Mitteln. So nannte er beispielsweise eine bestimmte Stelle im Leberbereich "Chelidoniumpunkt", weil bei der allgemein homöopathischen Behandlung Chelidonium - Schellkraut bei Lebererkrankungen angewendet wird. Dr. Weihe war ein außergewöhnlicher Mensch und Arzt. Amerika und Frankreich ehrten ihn. Aber es ist ja immer so, dass der Philosoph in seinem Heimatland nichts gilt, und wir haben ihn deshalb auch fast vergessen.
Ganz anders erging es dem Engländer Henry Head 3). Er stellte im Jahre 1889 als erster fest, dass im Bereich eines bestimmten Spinalnervs Überempfindlichkeiten entstehen, wenn das vom gleichen Nerven versorgte Organ erkrankt ist. Er hat seine bahn brechende Arbeit darüber, die erst 1898 in Leipzig übersetzt und verlegt worden ist, "Die Sensibilitätsstörungen der Haut bei Visceralerkrankungen" genannt.
Sein Kollege James Mackenzie 4) hat unabhängig von ihm zur gleichen Zeit ähnliches entdeckt und beschrieben. Nicht nur in der Haut, sondern auch in tiefer liegenden Schichten - also in den Muskeln, im Bindegewebe, in den Sehnen - gibt es Schwellungen bei zugehörigen Organerkrankungen. In Deutschland kam 1909 Cornelius 5) mit seinen Arbeiten über Nervenpunktlehre und -massage heraus.
Zwei Jahre später, damals ging es also Schlag auf Schlag, erschien von Barczewskis 6) "Hand-Lehrbuch meiner Reflexmassage". Im Gegensatz zu Cornelius, der nur von "Nervenpunkten" sprach, spricht er von "Reizdepots". Wenn man sich das Wort "Depot" vorstellt, ist damit das Bild einer Schwellung oder Quellung des Gewebes verbunden. im Jahr 1910 hat der Amerikaner Abrams, wie schon erwähnt, seine revolutionäre Arbeit "Spondylotherapie" geschrieben.
Alles was wir heute bei Ärzten, Heilpraktikern und Masseuren an chiropraktischen Griffen kennen, hat seinen Ursprung in dieser Spondylotherapie von damals. 1938 publizierten Prof. Dr. Hansen und Frau Dr. von Staa 7) ihr Buch "reflektorische und algetische Krankheitszeichen der inneren Organe".
Dieses Werk hat für Deutschland die Bedeutung wie für Amerika Abrams "Spondylotherapie". Die beiden Bücher nenne ich mit Absicht; denn jeder, der die Massagetherapie grundlegend begreifen und ausüben will, wird sich mit ihnen weiterbilden können.1942 brachte Dr. Friedrich Dittmar 8) ein Buch mit einem ähnlichen Titel heraus: "Die reflektorischen und algetischen Krankheitszeichen in der Diagnostik und Therapie innerer Krankheiten". Er ging damit also auf die Therapie über, während bis dahin alles mehr oder weniger auf die Diagnostik beschränkt geblieben war. Aus dem anfänglichen Staunen über diese neuen Erkenntnisse entstand die Frage: Wenn innere Organe etwas nach außen projizieren, kann man nicht auch auf dem umgekehrten Weg, also von außen nach innen, Einfluss gewinnen auf die inneren Organe?
Dies ist die eigentliche Geburtsstunde der Reflexzonenmassage als Therapie. Das war 1942. Am Schluss dieses kurzen historischen Abrisses der Reflexzonenmassage steht eines der schönsten Werke, das, wenn es auch von bescheidenem Umfang ist, doch bahn brechende Wirkung hatte.
Es ist Joachim von Puttkamers 9) Buch "Organbeeinflussung durch Massage", das in Erstauflage 1947 erschien. Schon das Literaturverzeichnis seines Werks zeugt von der Vielschichtigkeit seines Wissens und seines Fleißes. Abgesehen von allen Vorgängen in der Massage hat er sich in der chinesischen Akupunktur ausgekannt wie damals kein zweiter.
Dieser Hinweis ist deshalb wichtig, weil es nämlich für europäische Ärzte unverständlich war (und auch heute oft noch ist), wie beispielsweise reflektorische Zeichen vom Rumpf auf den Kopf weitergeleitet werden können. Denn wenn es lediglich über den Reflexbogen ginge, könnten die Reflexe allerhöchstens D1, D2 weitergeleitet werden, aber niemals in den Kopf trotz nervus vagus, trotz trigeminus.
Dieses Rätsel löste nun das Wissen der chinesischen Akupunktur. Es war von einem französischen Gesandten, Soulie' de Morant 10), in den 30er Jahren nach Paris gebracht worden - so jung ist die Akupunktur bei uns! in China ist sie 5000 Jahre alt. Die Chinesen kennen nicht nur die metamere oder segmentale Einteilung, wie z. B. die Fellzeichen eines Zebras oder Tigers zeigt, sondern sie kennen völlig andere Verbindungslinien, die Meridiane, die vom Scheitel bis zur Fußsohle laufen.
Unter den Meridianen liegen Punkte, die bei bestimmten Erkrankungen innerer Organe schmerzen. Hier begegnen wir nun wieder der Reflexzonenbeziehung, aber nun nicht mehr nur in der horizontalen, sondern auch in der vertikalen Ebene. So wird z. B. verständlich, warum bei einer Gallenerkrankung eine Migräne oben auf dem Scheitel auftritt. Bei einer Nierenerkrankung findet man den Migräneschmerz auf der Stirne, bei einer Magenerkrankung an der Schläfen.
Keiner der therapeutisch arbeitet - Ärzte, Masseure, Krankengymnasten, Physiotherapeuten...- dürfte sich in diesem Wissen verschließen, sondern müsste es sich durch eigenes Nachforschen und Weiterbildung aneignen.
Es empfiehlt sich der Einstieg über eines der Bücher von Dr. Stiefvater 11), einem der großen Akupunkteure Deutschlands.
Das Buch "Reflexzonen und Somatotopien" von Dr. Gleditsch 12) vermittelt den Schlüssel zur Gesamtschau des Menschen.
Es sind bisher nur wenige, die das mysteriöse und wunderbare System der Akupunkturlehre in klare Worte fassen können wie z. B. Prof. Dr. Dr. Niesel 13) in seinem Buch der "Umgang mit Heilenden Energien".
Wenn sie dann die Meridiane in ihrem Verlauf kennen lernen, werden Sie anfangs zögernd - die menschlichen Tastsinneswerkzeuge aktivieren, so wie ich es zu Anfang in meiner Praxis gemacht habe.
Allmählich werden Sie die ultaschwache Zellstrahlung wahrnehmen, wozu Sie jetzt fähig sind, wie viel Geheimnis sich Ihnen über Ihre Hände dem Gehirn erschließt, indem Sie es erarbeiten. Die Hände sind durch die Tastsinneswerkzeuge sowohl Sender als auch Empfänger für die offenen neuronalen Codes und damit das Werkzeug des Geistes. Erschütternde Szenen werden sich in ihrer Praxis abspielen. Dass Menschen Ihnen um den Hals fallen und sagen: "Ich bin ja gesund!"
Was Ärzte und Kliniken jahrelang nicht fertig gebracht haben, Sie haben es geschafft, weil Sie tatsächlich z. B. den Schmerz "fühlen" sowie die neurophysiologischen Zusammenhänge wissen und in der Praxis das offene neuronale Schmerzmuster auflösen, durch das rückkoppelnde Tupfen.

Literaturhinweise und Anmerkungen
1) Per Hendrik Ling, 1776-1839. "Lehrbuch der schwedischen Gymnastik", Esslingen 1924, L. M. Törngren.
2) Abrams, "Spondylotherapy", San Francisco, Cal., 1910
3) Henry Head, "Die Sensibillitätsstörungen der Haut bei Visceralerkrankungen", Berlin 1898.
4) James Mackenzie, "Krankheitszeichen und ihre Auslegung", Würzburg 1911.
5) Dr. med. Alfons Cornelius, "Nervenpunktlehre", Leipzig 1909. ders. "Nervenmassage", Leipzig 1909. Siehe auch zu diesem Thema den Artikel "Nervenpunktmassage" in Marnitz 2/91, S. 6ff.
6) Barczewski, Hand- und Lehrbuch meiner Reflexmassage", Berlin 1911.
7) Prof. Dr. Karl Hansen und Frau Dr. Hildegard von Staa, "Reflektorische und algetische Krankheitszeichen der inneren Organe", Leipzig 1938.
8) PD Dr. med. Friedrich Dittmar, "Die reflektorischen und algetischen Krankheitszeichen in der Diagnostik und Therapie innerer Krankheiten", Dtsch. Z. Homöop. 58 (1942), Jan.
9) Dr. Joachim von Puttkamer, "Organbeeinflussung durch Massage", Saulgau 1947.
10) Souliéde Morant, "L´acuponcture chinoise", Paris 1938.
11) Dr. med. Erich Stiefvater, "Akupunktur als Neuraltherapie", Ulm 1956.
12) Dr. Jochen M. Gleditsch, " Reflexzonen und Somatotopien" Schorndorf 1983.
13) Prof. Dr. Dr. W. Niesel, "Umgang mit Heilenden Energien" Innsbruck 1995.  

Richard Breuer

wurde für seine Arbeit 1999 vom

und vom

Institut der deutschen Wirtschaft ausgezeichnet.

2003 wurde Breuer vom

Netz innovativer Bürger und Bürgerinnen ausgezeichnet.

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